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Nomos der Bilder. Manifestationen des Rechts in Bildatlanten und Fotoarchiven

Ad oculos: Folter, Pranger, Zeugenschaft

Das Recht ist nicht nur auf Theatralität und Sichtbarkeit, sondern auch auf Zeugenschaft angewiesen. Szenen, in denen das Geständnis des Angeklagten erpresst wird, da der Ausgang des Gerichtsverfahrens davon abhing, finden sich in zahlreichen Bildmedien visualisiert. Variationen des christlichen Martyriums, welche Zeugenschaft und Folter repräsentieren, ähneln Bildern der „wahren“ Folter und Hinrichtung. Fiktion und Realität werden in den Darstellungen überblendet.
Die Stationen der Rechtsrituale im öffentlichen Raum sollten an möglichst vielen Zeugen vorbeiführen. Der Gang des zum Tode Verurteilten führte nicht nur an den Mauern des ehemaligen Florentiner Gefängnisses im Bargello, sondern auch an Tabernakeln vorbei, wo er letzte öffentliche Buße tun konnte. Die Formen und Formate der Beschämungsrituale sind variantenreich: vom Schandmantel über das einfache Holzpferd, auf dem der Angeklagte ausgestellt wurde, bis hin zu Schandmaske oder „Klapperstein“, den man den Lästernden zur Strafe um den Hals hängte. Die Verspottung ist auch Teil christlicher Bildformulare, wie bei Fra Angelico, der die erniedrigenden Gesten und Instrumente der Peiniger Christi ausschnitthaft im Fresko integrierte. Funktionslos geworden sind die Richtschwerter im Museum und die Ketten der Pranger und Galgen hängen heute unscheinbar an Hauswänden oder stehen frei in der Landschaft. Ähnlich haben auch figurative Darstellungen ihre Bedeutung verloren, wie die Statue der Judith, die auf der Piazza della Signoria als mahnendes Zeichen der Justiz errichtet wurde. All diese Objekte finden als Zeugen vergangenen Rechtslebens im Bildarchiv wieder zusammen.


Der Heilige Georg wird mit Eisenhaken gemartert, Fresko, 14. Jh., Fresko, St. Georgskloster, Ubisi (Georgien). Foto: Dror Maayan, 2006, KHI, Photothek, Inv. Nr. 592701

Via Ghibellina mit Bargello, Florenz.Foto: Hilde Lotz-Bauer, KHI, Photothek, Inv. Nr. 378132

Madonnentabernakel, Ecke Via dei Malcontenti/Via delle Casine, Florenz. Foto: Ivo Bazzechi, vor 1976, KHI, Photothek, KHI Inv. 486808

Strafmantel mit Darstellung des verübten Verbrechens. Graphik. Karl von Amira Archiv, München, Mappe 5: Strafmantel, Schandanhänger, Halseisen, Lastersteine, Strafmasken.

Schandmaske (Pranger), Bernau bei Berlin, Foto: Karl Frölich, 1930/50, Sammlung Karl Frölich, MPI Rechtsgeschichte, Frankfurt/M., Inv.SF=G0010F452401a

Rosdorfer Schandesel (Pranger), Museum Göttingen. Foto: Karl Frölich, 1930/50, Sammlung Karl Frölich, MPI für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt/M., Inv. SF=F0000D040401a

Klapperstein am Rathaus von Mulhouse, Zeichnung von Karl von Amira. Karl von Amira Archiv, München, Bild 51, Mappe 5: Fiedeln, Block, Strafmantel, Schandanhänger, Halseisen, Pflock, Lastersteine, Strafmasken, Leibringe

Verspottung Christi, Fra Angelico, Florenz, San Marco, Zelle 7. Foto: Brogi, vor 1895, KHI, Photothek, FL-Nr. 2435

Richtschwerter aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 15.-18. Jhd.. Karl von Amira Archiv, München, Mappe 3: Richtschwerter, Bild 27 B

Pranger am Rathaus in Birkenau, Foto: Karl Frölich, 1930/50, Sammlung Karl Frölich, MPI für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt/M., Inv. SF=F0000D050001a

Schandsäule mit Kopf des in Mühlheim enthaupteten Nikolaus Gülich, Kupferstich, Kölnisches Stdtmuseum. Foto: Sammlung Karl Frölich, MPI für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt/M. SF=F0000D028601a Marktzeichen Mühlheim

Judith und Holofernes, Kopie nach der Statue von Donatello (1453/57), Florenz, Piazza della Signoria. Foto: Luigi Artini, KHI, Photothek, Inv. Nr. 575822




© KHI in Florenz | 19.06.2021 09:10:59