font-awesome-load
material-design-icons-load

Nomos der Bilder. Manifestationen des Rechts in Bildatlanten und Fotoarchiven

Vom Urteilen: Richter, Gesetzgeber, Tyrann

Das Gericht ist mit dem Theater vergleichbar, dessen Grundvoraussetzung die Einheit von Raum, Zeit und Handlung ist. Die Wahrheit der Rechtsprechung vermittelt sich über die Sprache und ist Ergebnis einer internen Prozedur, bei der das Urteil des Richters den Abschluss und Höhepunkt bildet. Die für den Urteilsprozess zentrale Figur variiert in den Bildern der Rechtssprechung beträchtlich zwischen Darstellungen des guten und gerechten Richters bis hin zum manipulierbaren Tyrann. In Botticellis “Verleumdung des Apelles” wird der richtende König Ptolemäus I. mit Eselsohren gezeigt. Gerahmt von Unwissenheit und Misstrauen, treten vor ihn Verleumdung, Neid, Verrat und Arglist. Brutus Lucius Iunius, der erste Konsul Roms, verkörpert das Gesetz als Verteidiger der römischen Rechtsordnung, da er seine Söhne hinrichten ließ, weil sie die Republik verraten wollten. Er hält Stab und Opferschale, die römischen Attribute der Gerechtigkeit, in den Händen. Wie auch König Salomon wird er in Bildprogrammen von Fassaden öffentlicher Gebäude und Gerichtssälen als vorbildlicher Richter dargestellt. Das Berühren der Seitenwunde Christi durch den Heiligen Thomas versinnbildlicht das richterliche Ideal, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen, um eine gerechte Entscheidung fällen zu können. Diese bibliche Episode wurde häufig in Zivilgerichten gezeigt, so z.B. in der Mercanzia, dem Gerichtsort der fünf größten Zünfte von Florenz. Ambrogio Lorenzettis Bild des Podestà, dem Inbegriff der richterlichen und herrschaftlichen Gewalt der Sieneser Kommune, wird der Tyrannei gegenübergestellt, die als Richterfigur satanischen Ursprungs über dem Chaos und der durch Gewalt zerstörten Ordnung des Gemeinwesens thront.


Ehemaliges Tribunale, Complesso San Filippo Neri, Florenz, Foto: Hilde Lotz-Bauer, vor 1940, KHI, Photothek, Inv. 382366

Sala dell’Udienza mit Iustitia – Portal, Palazzo Vecchio, Florenz, Foto: Luigi Artini, 1987, KHI, Photothek, Inv. 451432

Die Verleumdung des Apelles, Sandro Botticelli, um 1494-1498, Ölgemälde, Galleria degli Uffizi, Florenz. Foto: Brogi, vor 1900, KHI, Photothek, Inv. 2830

Die Verleumdung des Apelles, Sandro Botticelli, um 1494-1498, Ölgemälde, Galleria degli Uffizi, Florenz, Foto: Alinari, vor 1925, KHI, Photothek, Inv. 19074

Martyrium des Johannes mit Richterfigur, Filippino Lippi, Fresko, 1487-1502, Santa Maria Novella, Florenz, Foto: Paolo Bacherini, KHI, Photothek, Inv. 583190

Brutus als guter Richter, Maso di Banco, Fresko, um 1340, Sala dell’Udienza, Palazzo dell’Arte della Lana, Florenz, Foto: Luigi Artini, KHI, Photothek, Inv. 483310

König Salomon in der Sala di Udienza, Palazzo Communale, Lucignano(Arezzo), Fresko, Foto: Luigi Artini, KHI, Photothek, Inv. 382040

Julius Cäsar als Richter, Luigi Ademolle, Palazzo Comunale, Sala del Consiglio, Lucignano (Arezzo). Foto: Roberto Sigismondi, KHI, Photothek, Inv. 581234

Christus und der ungläubige Thomas, Giovanni di Francesco Toscani, Öl auf Holz, ca. 1420, Galleria dell’Accademia, Florenz (ehemals im Tribunale der Mercanzia), Foto: Anderson, vor 1924, KHI, Photothek, Inv. 14633

Christus und der ungläubige Thomas, Andrea del Verrocchio, Bronze, 1486, Orsanmichele, Florenz, Foto: Brogi, KHI, Photothek, Inv. 18042

Buon Governo mit den Tugenden Iustitia, Fortitudo und Temperantia, Ambrogio Lorenzetti, Fresko, 1338-39, Sala dei Nove, Palazzo Pubblico, Siena. Foto: Fotografia Lensini, Archivio Grassi, KHI, Photothek, Inv. 241629

Tyrannei mit den Lastern Geiz, Hochmut und Eitelkeit, Ambrogio Lorenzetti, Fresko, 1338-39, Siena, Palazzo Pubblico, Sala dei Nove. Foto: Klischee, KHI, Photothek, Inv. 205812




© KHI in Florenz | 19.06.2021 09:10:22