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Foto-Objekte und Kunstgewerbe in der Photothek

Foto-Objekte

Objekte der angewandten Kunst zählten zu den frühesten Motiven der Fotografie: In The Pencil of Nature (1844–46), der ersten mit Fotografien illustrierten Buchpublikation, sprach sich ihr Autor William Henry Fox Talbot für die Evidenzkraft solcher Aufnahmen aus, die in Museen und Sammlungen für die Inventarisierung nutzbar gemacht werden und als Beweismittel sogar vor Gericht standhalten könnten. Der Mythos nicht nur der objektiven Fotografie, sondern auch der Objektivität selbst als unantastbare wissenschaftliche Größe, wurde in Ansätzen schon früh dekonstruiert. Trotzdem hat sich diese Rhetorik bis ins 21. Jahrhundert gehalten. Darauf reagierte die Forschung in den letzten Jahren, indem sie Fotografien als sozial, kulturell und politisch tradierte materielle Artefakte definierte: Aus der Überwindung des Paradigmas der Objektivität ist das „Foto-Objekt“ entstanden, das einerseits abbildet und andererseits selbst dinghaft wirkt.
Eine Reihe kürzlich entdeckter Fotografien aus der Sektion „Kunstgewerbe Holz“ reflektieren diesen vielschichtigen Diskurs besonders eindrücklich: Sie zeigen gerahmte Spiegel und stammen in den meisten Fällen aus dem Kunsthandel. Erst auf den zweiten Blick erkennt man das aus dem Dunkel der sich spiegelnden Oberfläche hervortretende Objektiv oder die Umrisse einer Großformatkamera auf einem Stativ. Manchmal, wenn der Kamera aufgrund ihrer langen Belichtungszeiten die schnellen Bewegungen des Fotografen entgingen, erscheint sogar er selbst in geisterhafter Kontur verschwommen neben dem Apparat. Gelegentliche Versuche, eine Spiegelung zu unterbinden, indem das Objekt in die Schräge gerückt oder das fotografische Negativ retuschiert wird, täuschen kaum über die Existenz der Kamera oder des Fotografen hinweg. Im Gegenteil: Es sind gerade diese sichtbaren Eingriffe, die ihre Präsenz spürbar machen. Das Spiel mit dem „Bild-im-Bild“ und der ständige Blickwechsel zwischen den verschiedenen Ebenen der Objekthaftigkeit veranschaulichen die selbstreflexive Kapazität der Fotografie und ihre historische wie materielle Dimension.


Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, 18. Jahrhundert, Albuminpapier, um 1900, 18,1 x 14,1 cm (Karton), Inv. Nr. 612102 (Abt. Kunstgewerbe Kuriositäten)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, Mitte 17./18. Jahrhundert, Albuminpapier, 19,3 x 14,4 cm (Karton), Inv. Nr. 612104 (Abt. Kunstgewerbe Edelmetall)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, um 1730, Silbergelatineabzug, nach 1890, 19,2 x 10,8 cm (Foto), Inv. Nr. 200035 (Abt. Kunstgewerbe Glas)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel mit Medaillon in Ölmalerei, 18. Jahrhundert, Silbergelatineabzug, 23,2 x 11,5 cm (Foto), Inv. Nr. 176151 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, 19. Jahrhundert, Albuminpapier, 21,7 x 13,1 cm (Foto), Inv. Nr. 176306 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Pietro Fiorentini, Spiegel, 18. Jahrhundert, Silbergelatineabzug, vor 1968, 23,9 x 18,2 cm (Foto), Inv. Nr. 232180 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, Albuminpapier, 27,2 x 15,1 cm (Foto), Inv. Nr. 614519 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Reale Fotografia Giacomelli, Spiegel, 18. Jahrhundert, Silbergelatineabzug, vor 1932, 21,5 x 30,1 cm (Foto), Inv. Nr. 81201, Geschenk Adolph Loewi (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegel, erste Hälfte 18. Jahrhundert, Silbergelatineabzug, vor 1933, 22,1 x 11,8 cm (Foto), Inv. Nr. 91678, Geschenk Luigi Vittorio Fossati Bellani (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Paolo Bacherini, Spiegel, 18. Jahrhundert, Digitaldruck, 2003, 23,2 x 17,7 cm (Foto), Neg. Nr. 38437, Inv. Nr. 573110 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Reali, Spiegel, 18. Jahrhundert, Silbergelatineabzug, vor 1972, 26,2 x 17,4 cm (Foto), Inv. Nr. 276168 (Abt. Kunstgewerbe Holz)

Nicht identifizierter Fotograf, Spiegelrahmen, zw. 1720/1780, Silbergelatineabzug, vor 1963, 17,2 x 9,8 cm, Foto, Inv. Nr. 192780, Geschenk Galleria Bellini (Abt. Kunstgewerbe Holz)




© KHI in Florenz | 28.09.2020 07:52:54