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Giuliano da Sangallos Architektur der Fläche

Ordnungen

Das uns heute vertraute Bild der Renaissancearchitektur basiert auf der Wiederentdeckung der klassischen Formen. Dieses Bild wurde stark von Sangallos Studien und seinem architektonischen Empfinden beeinflusst. Die architektonischen Ordnungen bilden dabei zweifellos die Hauptkomponente. Allerdings entsprechen Sangallos Vorstellungen von der Antike nicht denen eines normativen klassizistischen Kanons, der sich erst ab dem 16. Jahrhundert und besonders in Rom kodifizierte. Sein Verständnis einer Formensprache all’antica basiert auf einem vielseitigeren Repertorium, welches unendlich viele Variationen zum Thema “Kapitell”, “Base”, “Rahmen” oder zu anderen Schmuckelemente möglich macht. Solch schöpferische Interpretation der Antike bildete den Ausgangspunkt für überraschend figurativ gestaltete Ordnungen wie in Santa Maria delle Carceri in Prato oder in der Sakristei von Santo Spirito. Sein archäologisches Gespür und seine kreative Freiheit sind auch in den variantenreichen Kompositkapitellen im Hof des Palazzo Gondi, oder in den wunderbaren Kapitellen über den Pilastern in der Kirche der Madonna dell’Umiltà in Pistoia zu finden. Aber Sangallos Behandlung der architektonischen Ordnungen wird auch in seinem Umgang mit der Mauerstruktur deutlich. Er versteht sie, wie schon Alberti, als geschlossene Schachtel und als Gegenpol zur Autonomie der Säulen. An der Fassade des Palazzo Cocchi in Florenz oder des Palazzo della Rovere in Savona, ist das Gefüge Pilaster/Gebälk rein ornamental, ohne jegliche tektonische Funktion, während im Hof des Palazzo Scala die Pilaster in ihrem streng geometrischen Prinzip kaum etwas der Lebendigkeit der Reliefs entgegensetzen können. Im Giebelfeld des Pronaos der Villa in Poggio a Caiano oder im Vorhof von Santa Maddalena dei Pazzi befreit sich die Säule schließlich. Sie deckt ihre doppelte Natur auf, Stütze und elegantes Zitat einer ausgeschmückten ionischen Ordnung. In jedem Falle spielt das orthogonale Netz eine fundamentale Bedeutung: es leitet sowohl das Auge des Betrachters als auch die Linse der Kamera, wodurch wir die Ordnungsstrukturen erkennen, welche die Oberfläche der Architektur bestimmen und artikulieren.


Prato, Santa Maria delle Carceri, Kuppelpendentiv. Foto: Piero Morselli, vor 1983, Silbergelatineabzug, 23,9 x 17,7 cm, Inv. Nr. 407081

Florenz Palazzo Gondi, Säulenkapitell im Hof. Foto: Fratelli Alinari, vor 1896, Silbergelatineabzug, 25,1 x 18,8 cm, Inv. Nr. 56988

Pistoia, Madonna dell’Umiltà, Gebälk und Kapitell in der Vorhalle. Foto: Cristian Ceccanti, 2014, Digitalfotografie, Inv. Nr. 614493

Florenz, Santo Spirito, Vorhalle der Sakristei, Kapitell. Foto: Fratelli Alinari, vor 1896, Silbergelatineabzug, 26,2 x 19,2 cm, Inv. Nr. 28784

Florenz, Palazzo Cocchi Serristori. Foto: Ralph Lieberman, 1990, Silbergelatineabzug, 25,3 x 20,3 cm, Inv. Nr. 485660

Savona, Palazzo Della Rovere. Foto: Unbekannter Fotograf, vor 1973, Silbergelatineabzug, 22,4 x 14,3 cm, Inv. Nr. 284942

Florenz, Palazzo Gherardesca, ehemals Scala, Südseite des Innenhofes. Foto: Paolo Bacherini, 2002, Silbergelatineabzug, 17,7 x 23,8 cm, Inv. Nr. 562813

Florenz, Palazzo Gherardesca, ehemals Scala, Südseite des Innenhofes (Ausschnitt). Foto: Luigi Artini, 1982, Silbergelatineabzug, 17,8 x 23,8 cm, Inv. Nr. 405079

Firenze, Santo Spirito, Sakristei. Foto: Hilde Lotz-Bauer, vor 1943, Silbergelatineabzug, 16,8 x 11,4 cm, Inv. Nr. 382381

Florenz, Santo Spirito, Sakristei. Foto: Cristian Ceccanti, 2014, Digitalfotografie, Inv. Nr. 614476

Prato, Santa Maria delle Carceri. Foto: Luigi Artini, 1985, Silbergelatineabzug, 23,8 x 17,6 cm, Inv. Nr. 423935

Pistoia, Madonna dell’Umiltà. Foto: Ralph Lieberman, 1991, Silbergelatineabzug, 25,2 x 20,3 cm, Inv. Nr. 491623

Florenz, Palazzo Gondi, Treppe im Innenhof. Foto: Domenico Anderson, vor 1940, Silbergelatineabzug, 26,1 x 20,1 cm, Inv. Nr. 125825

Florenz, Palazzo Gondi, Innenhof. Foto: Ralph Lieberman, 1990, Silbergelatineabzug, 20,3 x 25,2 cm, Inv. Nr. 491591

Poggio a Caiano (Prato), Villa Medici, Pronaos. Foto: Cristian Ceccanti, 2014, Digitalfotografie, Inv. Nr. 614487

Florenz, Santa Maria Maddalena dei Pazzi, ehemals Cestello, atrium (Ausschnitt). Foto: Hilde Lotz-Bauer, vor 1943, Silbergelatineabzug, 23,8 x 18,1 cm, Inv. Nr. 378062




© KHI in Florenz | 30.10.2020 09:22:17