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PHOTOGRAPHIE UND KATASTROPHE. Antonio Di Cecco im Dialog mit den Sammlungen der Photothek

objekte, oberflächen, grenzen

In der Beschleunigung der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe bestimmen Trümmer und Schuttmassen den urbanen Raum, sowie neue Zeichen, die sich den horizontalen und vertikalen Oberflächen einprägen. Einige historische Photographien der Flut von Florenz im November 1966 zeigen das Baptisterium und weitere Gebäude, die im dunklen Wasser des Arno zu schweben scheinen sowie die schlammbedeckte Piazza Santa Croce, in die sich die Spuren der vorbeifahrenden Fahrzeuge eindrücken. Während der langen Phase des Wiederaufbaus fügen sich jedoch neue Elemente in die urbane Landschaft ein, die bereits vorhandene Räume und Gebäude flankieren oder überdecken. Die Gerüste, welche die Architekturen stützen, die Verkleidungen, welche die Bauten einhüllen, die für die Bauarbeiten benötigten Werkzeuge und Materialien, die auf den Straßen stehen, überdecken die allseits bekannten kanonischen Bilder der Orte und drängen dem Blick eine neue, abweichende Ästhetik auf. Auch die Kunstwerke (hier vertreten durch das zur Ikone gewordene Bild von Cimabues‘ Kruzifix nach der Überschwemmung) mit ihren vielfachen ästhetischen, historischen, identitätsstiftenden und zumTeil auch religiösen Bedeutungsebenen zeigen in ihrer Materialität Spuren der Katastrophe. Wenn sie nach der Restaurierung an ihren Standort zurückkehren und dort ihre ursprüngliche Funktion wieder ausüben, so trägt dies dazu bei, die Verbindung zwischen identitätsstiftenden Orten und Bevölkerung wiederherzustellen. Während sich die suspendierte Zeit in der Unterbrechung des Wiederaufbaus von L‘Aquila in der sich zwischen Gerüst und Palazzo del Convitto ausbreitenden Vegetation materialisiert, gibt es Zeichen eines gelebten Alltags in den neuen „temporären“ Gebäuden des Projektes C.A.S.E., die in der gebirgigen Gegend um L‘Aquila herum entstanden sind.
Somit bringt die Katastrophe neue Trajektorien hervor, neue Zentren und neue Grenzen: Schwellen werden unpassierbar, gewohnte Wege werden durch die Absperrungen der roten Zone unterbrochen, die Menschen gezwungen, an andere Orte zu ziehen, in Erwartung eines Tages wieder in ihre einstige alltägliche Umgebung zurückkehren zu können.


Antonio Di Cecco // PAGLIARE DI SASSA (L'Aquila), März 2010 // Gestaltung der Umgebung der Wohnbauten des Projektes C.A.S.E. mit Bäumen.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, Februar 2012 // Piazza Palazzo mit dem Sitz der Stadtverwaltung und weiteren, mit Stützstrukturen versehenen historischen Gebäuden.

Ivo Bazzecchi, 1966, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 497284 // FLORENZ, Piazza Santa Croce nach der Flut vom 4. November 1966.

Ivo Bazzechi, 1966, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 498313 // FLORENZ, Piazza del Duomo während des Arno-Hochwassers vom 4. November 1966.

Antonio Di Cecco // SANT’EUSANIO FORCONESE (L’Aquila), Juli 2011 // Historischer Brunnen, hinter einer provisorischen Einzäunung versteckt.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, September 2009 // Altstadt, Eisenböcke zur Vorbereitung der Stützkonstruktionen für einsturzgefährdete Gebäude.

Antonio Di Cecco // ONNA (L’Aquila), März 2011 // Fassade der Kirche San Pietro Apostolo nach ersten Sicherungsmaßnahmen. Diese ersten provisorischen Sicherungsarbeiten wurden von der Feuerwehr ausgeführt.

Antonio Di Cecco // SAN FELICE SUL PANARO (Modena), April 2016 // Kirche San Felice Vescovo Martire nach dem Erdbeben von 2012. Konstruktion, die einen sicheren Zugang in das Gebäude ermöglicht.

Antonio Di Cecco // FOSSA (L’Aquila), April 2011 // Altstadt, Grenze der “roten Zone”.

Antonio Di Cecco // PAGLIARE DI SASSA (L’Aquila), März 2013 // Projekt C.A.S.E., ‘temporäres’ Holzgebäude. Die ‘Complessi Antisismici Sostenibili Ecocompatibili’ (erdbebensichere, erschwingliche und umweltfreundliche Komplexe) sind vorgefertigte Häuser, die auf erdbebensicheren Stahlbetonplatten gebaut sind. Insgesamt wurden 184 solcher Platten errichtet, die auf 19 Gebiete um Aquila herum verteilt sind. Ursprünglich als Provisorium geplant, haben die Ansiedlungen des Projekts C.A.S.E. die Landschaft um Aquila dauerhaft verändert.

Antonio Di Cecco // COPPITO (L’Aquila), November 2015 // Projekt C.A.S.E., ‘temporäres’ Holzgebäude.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, November 2015 // Palazzo del Convitto, Sicherungsgerüste, aufgestellt im Mai 2009.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, September 2009 // Altstadt, Innenhof eines privaten Gebäudes.

Antonio Di Cecco // TUSSILLO DI VILLA SANT’ANGELO (L’Aquila), September 2009 // Kirche Sant’Agata.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, April 2009 // Palazzo Ciolina-Ciampella.

Ivo Bazzecchi, 1966, Farbabzug, Inv. Nr. KHI 489524 // Florenz, Kruzifix von Cimabue in Santa Croce nach der Überschwemmung vom November 1966. // Aufbau des Gerüstes, um erste konservatorischen Maßnahmen durchführen zu können.

Antonio Di Cecco // PIEVE DI CENTO (Modena), März 2016 // Santa Maria Maggiore, erste Überprüfungen des Gebäudezustandes nach den Erdbeben von 2012.

Antonio Di Cecco // PIEVE DI CENTO (Modena), März 2016 // Santa Maria Maggiore.

Antonio Di Cecco // VOCETO DI AMATRICE (Rieti), Dezember 2016 // Santa Savina, erste Maßnahmen zum Schutz des beschädigten Mauerwerks.

Photoschachteln der Sektion Architektur, Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz




© KHI in Florenz | 25.02.2021 00:17:41