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PHOTOGRAPHIE UND KATASTROPHE. Antonio Di Cecco im Dialog mit den Sammlungen der Photothek

räumliche erfahrungen

„In der Photographie gibt es keinen Gehalt, aber in der architektonischen Imagination und in der Realität der Gebäude gibt es Gehalt: es sind die Menschen, die in den Räumen leben, es sind die Handlungen, die sich in ihnen ausdrücken, es ist das physische, psychologische, spirituelle Leben, dass in ihnen stattfindet. Der Gehalt der Architektur ist ihr sozialer Inhalt.“ Bruno Levi hebt in Sapere vedere l’architettura (1948) die Grenzen der fotografischen Aufnahme hervor, die nicht in der Lage sei, den sozialen Inhalt der Architektur wiederzugeben und die Temporalitäten von Handlungen und Erfahrungen festzuhalten, die sich in ihren Räumen abspielten.
Gerade durch die Hinterfragung von Potenzial und Grenzen des fotografischen Mediums bietet Antonio Di Cecco in diesem Kapitel eine Lesart der sozialen Dynamiken urbaner Raumnutzung während der langen Phase des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben. Während auf einigen der hier präsentierten historischen Architektur- und Stadtaufnahmen von Assisi und L’Aquila, tradierten Darstellungsformen folgend, Menschen als Staffagefiguren die Darstellung beleben, dreht Di Cecco di Perspektive um und richtet den Fokus auf die Alltagswelt der Arbeiter und Einwohner, ihre Aktivitäten und ihr Durchqueren des urbanen Raumes – angesichts bzw. trotz der gerade stattfindenden Wiederaufbauarbeiten.
Die eingerüsteten Gebäude werden somit zu Elementen einer Theaterkulisse, die den urbanen Raum einfassen und vor der die öffentliche Beleuchtung der restaurierten Piazza del Duomo von L‘Aquila zum Hauptdarsteller avancieren kann, der eine Rückkehr des sozialen Lebens herbeiführt und befördert.
Ein Diptychon fotografischer Aufnahmen stellt das Bindeglied zwischen diesen verschiedenen Darstellungsmodi dar. Auf Trägerkartons der Photothek montiert, dokumentieren sie die irreversiblen Veränderungen, die durch die Restaurierung zu Beginn der 70er Jahre an der Fassade von San Pietro in L’Aquila vorgenommen wurden.
Die Dichotomie der fotografischen Aufnahmen vor und nach der Restaurierung, die nicht durch eine Katastrophe bedingt war, wirft ethische Fragen im denkmalpflegerischen Kontext auf und regt zum Nachdenken an über die zwei Facetten der Architektur – Geschichte und Ästhetik – sowie den Schutz der in ihrer Materialität sedimentierten Schichten.


Photoschachtel der Sektion Architektur, Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz

Nicht identifizierter Fotograf, vor 1972, Farbabzug, Inv. Nr. KHI 280010 // ASSISI, Blick auf die Oberkirche von San Francesco // Am 26. September 1997 erschütterte ein schweres Erdbeben Umbrien und die Marken und verursachte den Einsturz von großen Teilen des freskierten Gewölbes der Oberkirche von Assisi (Perugia). Zwei technische Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde sowie zwei Ordensbrüder, welche den Schaden begutachten wollten, kamen beim Einsturz des ersten Gewölbeabschnitts ums Leben.

Nicht identifizierter Fotograf, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 121102 // L’AQUILA, San Domenico.

Nicht identifizierter Fotograf, vor 1977, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 280010 // ASSISI, Straßenansicht mit San Pietro.

Nicht identifizierter Fotograf, vor 1971, Autotypie, Inv. Nr. KHI 276352 // L’AQUILA, San Pietro a Coppito vor und nach der Restaurierung (1969-1971).

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, Juni 2009 // San Pietro a Coppito, erste Sicherungsmaßnahmen.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, giugno 2009 // * San Domenico, erste Sicherungsmaßnahmen.*

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, Februar 2010 // Piazza Santa Maria Paganica, eine Frau durchläuft die rote Zone. Erste Formen des Protestes der Einwohner Aquilas zeigten sich im unerlaubten Durchqueren der roten Zone.

Ivo Bazzecchi, 1966, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 497287 // FLORENZ, Piazza Santa Croce kurz nach der Flut am 4. November 1966.

Ivo Bazzecchi, 1966, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 498315 // FLORENZ, Piazza San Giovanni Richtung Via dei Cerretani kurz nach der Flut.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, März 2017 // Piazza Palazzo, Beleuchtung einer Baustelle in der Altstadt.

Antonio Di Cecco // L’AQUILA, März 2017 // Piazza Duomo, erste reguläre Beleuchtung des Zentrums nach dem Erdbeben von 2009.

Franz Stödner, nach 1908, PE Abzug, Foto Marburg, Neg. Nr. 1090560 // MESSINA, Straße in der Altstadt nach dem Erdbeben // Am 28. Dezember 1908 verwüsteten ein Erd- und Seebeben die Küsten der Meerenge von Messina, zerstörten Messina und Reggio Calabria und forderten zahlreiche Opfer, deren Zahl auf 80.000 bis 100.000 Personen geschätzt wird. Es war die schlimmste Naturkatastrophe der letzten 150 Jahren in Italien.

Antonio Di Cecco // SANT’EUSANIO FORCONESE (L’Aquila), Juni 2011 // Eine Frau durchquert täglich die rote Zone der Wohngegend, um den einzigen Laden in der Gegend zu erreichen.

Mappe ‘L’Aquila’ in der Sektion Architektur der Photothek des Kunsthistorischen Instituts // Photo von Josip Ciganovic, vor 1969, Silbergelatineabzug, inv. KHI nr. 252076 // L’AQUILA, San Bernardino.

Antonio Di Cecco // MIRANDOLA (Modena), März 2016 // Eine Gruppe Jugendlicher durchquert die rote Zone.




© KHI in Florenz | 15.08.2020 09:54:21