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PHOTOGRAPHIE UND KATASTROPHE. Antonio Di Cecco im Dialog mit den Sammlungen der Photothek

nach der katastrophe

Das Archiv ist sowohl ein Ort der Sedimentation von Wissen als auch ein Forschungslabor. Davon ausgehend, untersucht die letzte Sektion das epistemologische Potenzial photographischer Archive: die in einer Photothek aufbewahrten Photoobjeke werden Aufnahmen gegenüberstellt, die der Photograph aus seinem eigenen Archiv ausgewählt hat. Die Aufnahmen der Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, welche die Orte Venzone und Gemona mit ihren wichtigsten Bauten im Zustand des frühen 20. Jahrhunderts zeigen, bekommen eine historische Tiefe und neue Bedeutung dank der handschriftlichen Anmerkungen auf den Trägerkartons, die über die Schäden und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und der späteren Erdbeben informieren. Sie werden heute gemeinsam mit zahlreichen weiteren Photographien dieser Bauten aufbewahrt, die nach den Erdbeben vom Mai und September 1976 entstanden sind. Das afterlife der Photographien des Istituto Italiano d’Arti Grafiche in der Florentiner Sammlung entspricht einer materiellen und semantischen Sedimentation, durch die eine kohärente Dokumentation der Zerstörung und des Wiederaufbaus dieser Zentren im Friaul entstanden ist. Die Photographien von Venzone und Gemona, die durch die Anmerkungen auf die später eingetretene Katastrophe verweisen, treten in einen Dialog mit einigen Photoarbeiten Antonio Di Ceccos, die stattdessen die Katastrophe als generatives Ereignis begreifen: Sie interpretieren die jeweiligen Zerstörungen und berichten von der Entstehung neuer räumlicher Konzepte und Kontexte. Sich auf die Ergebnisse der Spurensuchen im Archiv von Di Cecco stützend, bietet die Sequenz von Landschaften, Architekturen und Stadtansichten rhythmische Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart an. In den Gebieten von Friaul bis Sizilien, die in den letzten 50 Jahren von Erdbeben heimgesucht wurden, spiegeln sich die Stadtzentren in den neuen Siedlungen und in den unterschiedlichen Formen von Wohnlösungen nach der unmittelbaren Katastrophe wieder. Während die Wohnmodule von San Felice sul Panaro nur als Übergangslösung dienten, verweisen die nach dem Erdbeben von 2016 wiederverwendeten Wohnstrukturen von Collescille auf ein heute fast vergessenes Ereignis: das Erdbeben von Valnerina 1979. Die Geschichte hat sich hier in die Aufnahmen eingeschrieben, die das Ergebnis der Auseinandersetzung des Photographen sind. Dieser liegt ein hermeneutischer Prozess zugrunde, analog aber auch entgegengesetzt zu dem der Archivaufnahmen von Venzone.
So wie sich die Anmerkungen auf den Kartons der Photothek sedimentieren, verfolgt Antonio di Cecco Formen und Prozesse von ‚Einschreibung’ und ‚Wiedereinschreibung’ in Landschaften nach Katastrophen. Die Sequenz am Ende zeigt zerstörte und (wieder)aufgebaute Zentren nach dem Erdbeben von Belice, das sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt. In der letzten Aufnahme, in Salemi, überlagern sich eine zerfallene Mauer und ein neues Gebäude - im Hintergrund ist eine unvollendete Architektur zu sehen: Die Erzählung bleibt offen wie ein Photoarchiv selbst.


Istituto Italiano d’Arti Grafiche, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 122452 // VENZONE, Piazza del Municipio // Handschriftliche Anmerkung: “Von den Erdbeben 1976 zerstört. Der Palazzo Pubblico, der nach seiner Zerstörung 1944 wiederaufgebaut worden war, schwer beschädigt”. Venzone, Gemona und andere Orte des Friaul in der Provinz Udine wurden zwischen Mai und September 1976 von mehreren Erdbeben erschüttert, die schwere Schäden anrichteten und eine Vielzahl an Opfern forderten.

Antonio Di Cecco // SAN FELICE SUL PANARO (Modena), April 2016 // Kirche und provisorischer Sitz der Stadtverwaltung. Sie befinden sich am Stadtrand in unmittelbarer Nähe zu einem der Wohnkomplexe, die nach den Erdbeben von 2012 für die obdachlos gewordene Bevölkerung errichtet wurden.

Istituto Italiano d’Arti Grafiche, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 122453 // VENZONE, Hauptstrasse des Ortes // Handschriftliche Anmerkung: “Durch Erdbeben 1976 zerstört.”

Antonio Di Cecco // PESCARA DEL TRONTO (Ascoli Piceno), September 2016 // Historisches Zentrum, beim Erdbeben vom 24. August 2016 eingestürzte Gebäude.

Antonio Di Cecco // BOLOGNOLA (Macerata), Juni 2018 // San Michele Arcangelo, Absperrzaun. Das Gebäude ist seit den Erdbeben von 2016-2017 nicht mehr nutzbar.

Istituto Italiano d’Arti Grafiche, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 122430 // GEMONA (UD), Duomo: Campanile // Handschriftliche Anmerkung auf der Pappe: “1976 durch Erdbeben zerstört.”

Istituto Italiano d’Arti Grafiche, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 122482 // VENZONE, Dom, Campanile // Handschriftliche Anmerkung auf der Pappe: “Durch das Erdbeben vom 6. Mai 1976 schwer beschädigt. Vollständig zerstört durch das Erdbeben vom 15. September 1976”. Auf Initiative von Einwohnern und Denkmalpflegern, die nach dem Erdbeben in Venzone tätig waren, wurde der Dom an gleicher Stelle originalgetreu wiederaufgebaut. Dafür wurde das zuvor systematisch geborgene und katalogisierte historische Baumaterial verwendet.

SAN FELICE SUL PANARO (Modena), März 2016 //Provisorische Wohnmodule (M.A.P.), die nach den Erdbeben von 2012 von der italienischen Regierung errichtet wurden und heute fast vollständig leer stehen.

Antonio Di Cecco // SAVELLI DI NORCIA (Perugia), November 2016 // San Michele Arcangelo, erste Sicherungsarbeiten nach den Erdbeben vom August und Oktober 2016.

Istituto Italiano D’Arti Grafiche, vor 1939, Silbergelatineabzug, Inv. Nr. KHI 122448 // VENZONE, Verfallene Stadtmauer, östliche Seite // Handschriftliche Vermerk auf der Pappe “1976 vom Erdbeben zerstört.”

Antonio Di Cecco // SALEMI (Trapani), August 2018 // Francesco Venezias Projekt für das Freilichttheater. Im Vordergrund vom Erdbeben 1968 zerstörte Gebäude mit Stützstrukturen. Im Hintergrund Valle del Belíce mit dem neuen Gibellina.

VENZONE, Mauerabschnitt mit Stadttor San Genesio und Turm (1309) // Handschriftliche Anmerkung auf der Pappe: “Vollständig zerstört durch das Erdbeben vom 15. September 1976”.

Antonio Di Cecco // PESCARA DEL TRONTO (Ascoli Piceno), September 2016 // Historisches Zentrum, Schäden nach dem Erdbeben vom August 2016.

Antonio Di Cecco // AMATRICE (Rieti), Februar 2017 // Temporäre Unterkünfte für die Bewohner von Amatrice, die aus privaten Spenden stammen.

Antonio Di Cecco // NORCIA (Perugia), November 2016 // Temporäre Unterkünfte, die von den Bürgern mit eigenen Mitteln errichtet wurden.

COLLESCILLE DI PRECI (Perugia), November 2017 // Temporäre Wohnmodule, die von der italienischen Regierung nach dem Erdbeben von 1979 errichtet wurden. Sie kamen nach dem Beben von 2016 erneut zum Einsatz.

Antonio Di Cecco // FINALE EMILIA (Modena), April 2016 // Verlassenes Bauernhaus in der Umgebung der Ortschaft.

Antonio Di Cecco // FINALE EMILIA (Modena), April 2016 // Schießplatz mit Schutzplanen.

Antonio Di Cecco // GIBELLINA (Trapani), August 2018 // Unvollendet gebliebenes Wohngebäude.

Antonio Di Cecco // GIBELLINA (Trapani), August 2018 // Chiesa Madre, Entwurf von Ludovico Quaroni.

Antonio Di Cecco // GIBELLINA (Trapani), August 2018 // Piazza Beuys, Entwurf von Pierluigi Nicolin.

Antonio Di Cecco // GIBELLINA (Trapani), August 2018 // Unvollendet gebliebenes Wohngebäude.

GIBELLINA VECCHIA (Trapani), Grande Cretto von Alberto Burri, August 2018.

Antonio Di Cecco // SALEMI (Trapani), August 2018 // Eingestürzte Mauerreste, Neubauten und unvollendete Gebäude.




© KHI in Florenz | 15.08.2020 09:53:13